Rhodiola rosea wird im Deutschen als Rosenwurz bezeichnet. In Fachtexten und Rohstoffbeschreibungen erscheinen daneben Begriffe wie Rosavine, Salidrosid, Wurzelextrakt, Standardisierung und „Adaptogen“. Diese Begriffe bezeichnen jedoch unterschiedliche botanische, chemische oder historische Zusammenhänge.
Dieser Beitrag erläutert, wie die wichtigsten Bezeichnungen voneinander abgegrenzt werden können. Er enthält keine Aussage über die Wirkung oder Eignung eines bestimmten Produkts.
Was ist Rhodiola rosea?
Rhodiola rosea ist eine mehrjährige Pflanzenart aus der Familie der Dickblattgewächse. Sie kommt vor allem in kühlen Gebirgs- und nördlichen Regionen Europas, Asiens und Nordamerikas vor. In botanischen und pharmazeutischen Beschreibungen stehen insbesondere die unterirdischen Pflanzenteile, also Rhizom und Wurzel, im Mittelpunkt.
Die Gattung Rhodiola umfasst verschiedene Arten. Der Gattungsname allein bezeichnet deshalb noch nicht eindeutig Rhodiola rosea. Für eine genaue botanische Zuordnung sind der vollständige wissenschaftliche Name, der verwendete Pflanzenteil und geeignete Identitätsprüfungen entscheidend.
Was sind Rosavine?
Mit dem Sammelbegriff „Rosavine“ werden üblicherweise mehrere verwandte Cinnamylalkohol-Glykoside bezeichnet. Dazu zählen insbesondere:
- Rosavin,
- Rosin und
- Rosarin.
Diese Verbindungen werden bei der analytischen Beschreibung von Rhodiola rosea häufig als Marker berücksichtigt. Ein Marker ist eine Verbindung, die bei der Identitäts- oder Qualitätsprüfung eines pflanzlichen Rohstoffs herangezogen werden kann.
Der Nachweis eines einzelnen Markers bildet jedoch nicht automatisch das vollständige Stoffprofil einer Pflanze oder eines Extrakts ab. Botanische Identität und Zusammensetzung werden daher nicht allein anhand eines einzelnen Prozentwerts beurteilt.
Was ist Salidrosid?
Salidrosid, auch Rhodiolosid genannt, ist ein Glykosid des Tyrosols. Die Verbindung wird ebenfalls bei der analytischen Beschreibung verschiedener Rhodiola-Arten berücksichtigt.
Rosavine und Salidrosid sind somit nicht dasselbe. Sie gehören zu unterschiedlichen Stoffgruppen und liefern verschiedene Informationen über das untersuchte Pflanzenmaterial. Salidrosid kann außerdem auch in anderen Rhodiola-Arten und weiteren Pflanzen vorkommen.
Was bedeutet eine Angabe wie „3 % Rosavine und 1 % Salidrosid“?
Prozentangaben beschreiben zunächst den analytisch ausgewiesenen Anteil bestimmter Marker in einem definierten Material. Bei einem standardisierten Extrakt kann damit eine festgelegte Konzentration oder Zielspanne für die genannten Verbindungen gemeint sein.
Für die genaue Einordnung sind unter anderem die Bezugsbasis, die verwendete Analysemethode und die Definition des jeweiligen Markers relevant. Bei Rosavinen ist beispielsweise zu unterscheiden, ob sich eine Angabe nur auf Rosavin oder auf die Summe mehrerer Rosavine bezieht.
Eine Prozentangabe beantwortet für sich genommen nicht:
- ob das vollständige botanische Ausgangsmaterial zweifelsfrei bestimmt wurde,
- welches Extraktionsverfahren verwendet wurde,
- wie das übrige chemische Profil zusammengesetzt ist,
- ob ein Pflanzenpulver und ein Extrakt miteinander vergleichbar sind oder
- ob zwei unterschiedlich hergestellte Extrakte gleichzusetzen sind.
Auch das häufig genannte Verhältnis von drei Teilen Rosavinen zu einem Teil Salidrosid ist keine allgemeine Naturkonstante. Es beschreibt eine bestimmte Form der Standardisierung, nicht sämtliche Eigenschaften eines Pflanzenmaterials.
Pflanzenpulver und Extrakt: Wo liegt der Unterschied?
Ein Pflanzenpulver entsteht durch die Zerkleinerung des getrockneten Ausgangsmaterials. Ein Extrakt wird dagegen mithilfe eines definierten Verfahrens hergestellt, bei dem Bestandteile des Pflanzenmaterials in ein Extraktionsmittel überführt werden.
Extrakte können sich beispielsweise durch das verwendete Extraktionsmittel, das Verhältnis zwischen Ausgangsmaterial und Extrakt sowie ihre analytische Standardisierung unterscheiden. Derselbe Pflanzenname oder dieselbe Mengenangabe in Milligramm bedeutet daher nicht automatisch, dass zwei Materialien chemisch identisch sind.
Was bedeutet der Begriff „Adaptogen“?
Der Begriff „Adaptogen“ entstand im 20. Jahrhundert und wurde in der wissenschaftlichen Literatur für ein allgemeines pharmakologisches Konzept verwendet. Die dazu vorgeschlagenen Kriterien wurden im Laufe der Zeit unterschiedlich beschrieben.
„Adaptogen“ bezeichnet weder eine einzelne chemische Verbindung noch eine einheitliche Analysemethode oder klinische Diagnose. Auch die Europäische Arzneimittel-Agentur hat in einem Reflexionspapier auf Schwierigkeiten bei der Definition und wissenschaftlichen Abgrenzung des Konzepts hingewiesen.
In diesem Beitrag wird „Adaptogen“ deshalb ausschließlich als Begriff der Forschungsgeschichte eingeordnet. Aus der Verwendung des Wortes wird keine Aussage über eine konkrete Wirkung abgeleitet.
Warum sind Angaben zu einem Extrakt nicht automatisch übertragbar?
Pflanzliche Extrakte sind komplexe Gemische. Ihre Zusammensetzung kann von der Pflanzenart, dem verwendeten Pflanzenteil, der Herkunft des Ausgangsmaterials, dem Extraktionsmittel, dem Herstellungsverfahren und den festgelegten Markern abhängen.
Wird in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung ein bestimmter Extrakt beschrieben, beziehen sich die dort dokumentierten Eigenschaften zunächst auf dieses definierte Untersuchungsmaterial. Eine Übertragung auf ein anders zusammengesetztes Pulver, einen Tee oder einen anderen Extrakt setzt eine sorgfältige Vergleichbarkeit der Materialien voraus.
Die wichtigsten Begriffe im Überblick
- Rhodiola rosea: vollständiger botanischer Name einer bestimmten Pflanzenart.
- Rhizom und Wurzel: Bezeichnungen für die verwendeten unterirdischen Pflanzenteile.
- Rosavine: Sammelbezeichnung für mehrere verwandte Marker, darunter Rosavin, Rosin und Rosarin.
- Salidrosid: eigenständige Verbindung, die nicht mit Rosavinen gleichzusetzen ist.
- Standardisierung: analytische Festlegung bestimmter Merkmale oder Konzentrationsbereiche.
- Adaptogen: historisch-wissenschaftlicher Begriff ohne einheitliche analytische Definition.
Häufig gestellte Fragen
Sind Rosavine und Salidrosid dasselbe?
Nein. Rosavine bezeichnen eine Gruppe verwandter Cinnamylalkohol-Glykoside. Salidrosid ist eine andere Verbindung und wird gesondert analysiert.
Beweist ein Verhältnis von 3:1 die Identität von Rhodiola rosea?
Nein. Ein solches Verhältnis kann Bestandteil einer Spezifikation sein. Eine belastbare Identitätsprüfung berücksichtigt jedoch weitere botanische und analytische Merkmale.
Ist jeder Rhodiola-Extrakt gleich zusammengesetzt?
Nein. Ausgangsmaterial, Pflanzenteil, Extraktionsmittel, Herstellungsverfahren und Standardisierung können sich unterscheiden.
Ist „Adaptogen“ eine chemische Stoffbezeichnung?
Nein. Der Ausdruck bezeichnet ein historisches Forschungskonzept und keine einzelne chemische Verbindung.
Lässt sich aus einer Standardisierung eine bestimmte Wirkung ableiten?
Nein. Eine Standardisierung beschreibt ausgewählte analytische Merkmale eines Materials. Sie ist für sich genommen keine Aussage über eine gesundheitliche Wirkung.
Fazit
Rhodiola rosea, Rosavine, Salidrosid und „Adaptogen“ bezeichnen unterschiedliche Sachverhalte. Der botanische Name kennzeichnet eine Pflanzenart, Rosavine und Salidrosid sind analytisch erfassbare Verbindungen, und „Adaptogen“ ist ein historisch geprägter Begriff.
Prozentangaben und Markerprofile können bei der Beschreibung eines Pflanzenmaterials helfen. Sie ersetzen jedoch keine vollständige botanische und analytische Charakterisierung und stellen keine eigenständige Aussage über eine gesundheitliche Wirkung dar.
Wissenschaftliche Quellen
- European Medicines Agency: European Union herbal monograph on Rhodiola rosea L., rhizoma et radix, Revision 1.
- European Medicines Agency: Assessment report on Rhodiola rosea L., rhizoma et radix, Revision 1.
- European Medicines Agency: Reflection paper on the adaptogenic concept.
- Nikolaichuk H. et al.: Effect-directed analysis as a method for quality and authenticity assessment of Rhodiola rosea preparations.
Hinweis: Dieser Beitrag erläutert ausschließlich botanische, analytische und wissenschaftsgeschichtliche Begriffe. Er enthält keine Aussage zur Wirkung oder Eignung eines bestimmten Lebensmittels, Nahrungsergänzungsmittels oder Arzneimittels und keine individuelle Empfehlung. Die genannten EMA-Unterlagen betreffen pflanzliche Arzneimittel; aus ihrer Nennung lässt sich keine Aussage über Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel ableiten.